Das früher vielfältige Sortenspektrum in den Streuobstwiesen ist sehr stark rückläufig. Insbesondere die Rodung von Bäumen mit Lokalsorten und die Anpflanzung von modernen Sorten auf Hochstamm hat in Gebieten mit noch starker Streuobsttradition in Unterfranken (z.B. Margetshöchheim, Erlabrunn) zu einer deutlichen Sortenverarmung geführt. In vergleichsweise kleinen noch stärker bäuerlich geprägten Streuobstwiesen können dagegen immer noch Lokalsorten gefunden werden (z.B. Röhrlesbirne in Uengershausen bei Würzburg).

blühende Streuobstwiese

Im Gegensatz zu modernen Intensivanlagen, in denen der Sortenspiegel auf wenige Hochertragssorten beschränkt ist, findet sich in Streuobstbeständen meist eine Vielzahl von Sorten. Diese beachtliche Sortenvielfalt resultiert aus der Jahrhunderte langen Tradition des Obstbaus. Bis Ende des letzten Jahrhunderts wurden vielfach Wildlinge aus den Wäldern als Jungbäume herangezogen. Durch private Züchtungen und Veredelungen und die Arbeit der Obstbaumschulen und Pomologen wurde der Genpool der Arten schrittweise vermehrt. In fast allen Gebieten Bayerns züchteten Landwirte, Lehrer, Obstbaumwarte und andere Obstliebhaber Sorten, die besonders gut an die jeweiligen Klima- oder Standortverhältnisse angepasst waren, dem Geschmack der Obstbesitzer entgegenkamen bzw. für die jeweiligen Obstverwertungsmöglichkeiten am besten geeignet waren. So entstanden z.B. Koch-, Back- und Tafeläpfel und Sorten zur Süß- und Gärmostbereitung. Vor allem beim Kernobst entwickelte sich eine beinahe unüberschaubare Fülle an Lokalsorten. Viele Sorten wurden im Volksmund mit Lokalnamen belegt (z.B. Nägelesapfel, Pfaffenhofer Schmelzling, Röhrlesbirne, Crassanerl, Gelbe Wadelbirne, Weingifterin). Auch bei Steinobst wurden Lokalnamen entwickelt, wenngleich die Sortenvielfalt hier erheblich geringer war als bei Kernobst (z.B. Feilnbacher Pflaume, Froschmaul).

Die Lokalsorten bergen ein enormes Genpotential und sind Bestandteil der Kulturgeschichte der verschiedenen Regionen. Diese Lokalsorten sind außerhalb ihres Verbreitungsgebietes meist unbekannt. Sie zeichnen sich z.T. durch besondere Frost- und Krankheitsresistenz sowie Wuchsstärke aus. Einige dieser Sorten sind aufgrund sorteneigener verzögerter Blühtermine an Spätfröste angepasst. Bei Prunus-Arten kam es neben der züchterischen Bearbeitung der Sorten zu einer Vielzahl von spontanen Einkreuzungen mit Wildobstarten. Daraus entstanden u.a. zahlreiche Mirabellensorten. Einige Fachleute bemühten sich um die Erfassung und Beschreibung der Sorten. So werden von verschiedenen Autoren in Süddeutschland im 18. Jahrhundert mehr als 2.000 Apfel- und Birnensorten beschrieben, gemalt und gezeichnet. Das Vorhandensein derart vieler Sorten verdeutlicht den Stellenwert, den der Obstbau zu jener Zeit einnahm. Mit der vom Marktobstbau durchgeführten Umstellung auf wenige Hochertragssorten, dem Rückgang der Mosterei und geförderten Rodeaktionen sind viele dieser Sorten heute verschwunden. Einige alte Sorten haben sich in Buschhecken, entlang von Bahndämmen und auf Schuttplätzen erhalten.

(verändert nach Landschaftspflegekonzept Bayern, Bd.II.5 Streuobst; StMLU/ANL 1994; S.29 -30)



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